Jena, 05./06.08.2011
Alena Dritte bei den Deutschen Jugendmeisterschaften
Es ist eine Sensation, mit der wohl keiner gerechnet hat. Ein Ergebnis, auf das wir nicht zu hoffen wagten. Und dennoch hat Alena Gardyan das schier unmöglich möglich gemacht und erlief in einem unbeschreiblichen Rennen in der Fabelzeit von 2:12,85 Sekunden den dritten Platz bei den Deutschen Jugendmeisterschaften der weiblichen Jugend B.
Jedoch von vorne. Nach einer recht mühseligen Anreise am Donnerstag stand bereits am Freitag, den 05.08., der Vorlauf über 800m für Alena an. Zwar hatte Alena auch die Quali für die 400m Hürden. Nach Sichtung der eingegangen Meldungen beschloss Alena gemeinsam mit ihrem Trainerteam Timo Knoth und Hendrik Vogt, sich einzig und allein auf den 800m-Lauf zu konzentrieren. So ging es dann morgens zeitig zum Stadion, dem Ernst-Abbe-Sportfeld. 2010 hatte dieses eine neue Bahn erhalten und so ergab es sich, das Alena zum ersten Mal in ihrem Leben auf einer blauen Bahn laufen durfte. Das alleine war natürlich schon aufregend und neu, mal ganz abgesehen von der Kleinigkeit, dass es ihre ersten Deutschen Jugendmeisterschaften waren.
Aber sie meisterte die neue Situation großartig, wirkte entspannt. Erst, als es dann zum Aufwärmplatz ging, stieg die Anspannung merklich. Zu allem Überfluss war es ein verdammt schwüler Tag und wie alle anderen hatte Alena schon beim Aufwärmen mit der hohen Luftfeuchtigkeit zu kämpfen.
Um 13:25 sollte es endlich so weit sein. Die Vorläufe begannen. Alena war für den 2. Vorlauf gesetzt. Vor den Gang in den Callroom noch ein paar beruhigende und motivierende Worte vom Trainer mitnehmen. Dann war sie für sich. Voll konzentriert.
Es geht ins Stadion. Einige Teilnehmer des nationalen Jugendlagers rufen Alenas Namen. Alena kriegt das mit. Freut sich, denn sie merkt, sie ist nicht allein. Ein Ablauf noch. Dann ertönt der Pfiff. Alena entledigt sich der Trainingskleidung. Dann wird es ruhig im Stadion. Auf Kommando der Schritt an die Linie. Der Startschuss!
Alena legt gut los, startet schnell und legt ein hohes Anfangstempo vor. Nach der Kurvenvorgabe kann sie sich gleich mit vorne einordnen. Das Tempo ist schnell. Sehr schnell. Alena hält ihre Position. Durchgangszeit bei 400m knappe 65 Sekunden. Dann geht es auf die zweite Runde. Alena bleibt dran, sichert sich die 2. Position hinter der eindeutigen Favoritin dieses Laufs, Katharina Trost. Immer noch ein hohes Tempo, Alena ist immer noch dran. Kann sie dies Tempo halten? Eine Sensation bahnt sich an. Die letzten 150m, Alena muss abreißen lassen, alle anderen jedoch auch. Alena kämpft – noch 100m – noch 50m. Alena rettet sich im wahrsten Sinne ins Ziel und kann ihren zweiten Platz halten. Wahnsinn, was für ein Lauf. Aber viel entscheidender ist nicht die Platzierung. Die Zeit ist wichtig.
Würde es reichen um ins Final zu kommen? Persönlich Bestleistung war es, dies war allen Mitgereisten klar. Zudem war dieser Lauf schneller als der Vorangegangene. Und dann die unglaubliche Erkenntnis: Alena hatte ihre bisherige Bestzeit um über 2 Sekunden unterboten. Ihre Zeit 2:13, 69 !!! FANTASTISCH!!! Und damit nicht genug, war dies die drittbeste Zeit aller Vorläufe und somit war klar: Alena stand im Finale bei der DJM über 800m der weiblichen Jugend B!
Jetzt hieß es Beine lockern, Physiotherapeut besuchen und durchkneten lassen, locker auslaufen. Denn am kommenden Tag wartete der wahrscheinlich größte Lauf ihres bisherigen Lebens.
Die Nacht hatte Alena gut überstanden. Es war vielleicht ein wenig warm im Dachgeschoss, aber genug Schlaf hatte sie mitnehmen können. Der Lauf war für 16:55 Uhr angesetzt. So hieß es für Alena im Hotel bleiben, Kräfte sammeln, Ruhe bewahren. Naja, ein kleiner Kompromiss war dann doch dabei. Einmal schnell morgens ins Stadion um Michel Krempin (TSG Bergedorf) und Olufemi Atibioke (LG Wedel-Pinneberg) über 400m anzufeuern war schon drin. Aber dann wieder ab ins Hotel, regenerieren.
Um 15 Uhr standen wir dann wieder vor dem Stadion. Es war heiß an diesem Tag, 30 °C im Schatten. Die Sonne brannte. Wenigstens nicht so schwül wie am Vortag, aber dennoch alles andere als optimale Bedingungen für die 800m-Distanz.
Aber es änderte nichts. Die Anderen würden damit auch zu kämpfen haben. Um 16 Uhr ging es dann langsam zum Aufwärmplatz. Aufwärmprogramm in abgespeckter Form, den Temperaturen angepasst. Noch ein Steigerungslauf. Dann die letzten Instruktionen des Trainers und der Versuch sie noch einmal zu motivieren. „Du schaffst das, ich bin stolz auf dich, genieß diesen Lauf, du hast jetzt schon alles erreicht, und noch mehr!“ Worte, die in dem Moment ein wenig Mut machen. Aber die Anspannung ist da. Denn es ist und bleibt der Finallauf bei den Deutschen Jugendmeisterschaften über 800m der wJB, die bisher größte Herausforderung ihrer bisherigen Kariere.
Dann der Aufruf zum Callroom, eine letzte Umarmung und dann wieder volle Konzentration auf sich selbst. Die Anspannung steigt. Die Minuten unter dem Zeltdach des Callrooms schleichen dahin. Dann ist es so weit. Es geht ins Stadion. Der Support ist da, Alenas Anhänger – Familie, Freunde, Trainer und Hamburger Athleten - haben sich im Stadion positioniert um sie anzufeuern sie nach vorne zu schreien.
Alena macht sich fertig. Gleicher Ablauf wie am Vortag. Es geht los, der Pfiff ertönt und die Athleten werden vorgestellt. Was für ein Gefühl, was für eine Kulisse, was für ein Moment!
Es geht los, das Kommando kommt, der Fuß geht an die Linie. Startposition eingenommen, Schuss! Das Rennen beginnt. Und es beginnt schnell. Zu schnell. Die stärkste Läuferin des Feldes macht von Anfang an Druck, will gleich zeigen, wer hier den Ton angibt. Alle anderen versuchen krampfhaft dranzubleiben. Alena läuft klug, versucht dieses Tempo nicht mitzugehen, hält aber den Kontakt zum Feld. Sie weiß was sie kann, schätzt die Situation richtig ein. Christine Gess passiert die 400m mit einer Durchgangszeit von 62 Sekunden mit bereits deutlichem Abstand. Alena noch hinten. Dann kommen die zweiten 400m. Es werden die atemberaubendsten zweiten 400m über diese Distanz, die ich jemals als Trainer miterlebt habe.
Die Anderen hatten sich schon zu stark verausgabt. Alena macht Meter. Sie setzt nach. Unglaublich. Sie überholt gleich vier auf einmal und ist auf der Gegengerade auf dem 4. Platz. Alena begreift, dass sie in Schlagdistanz zu einem Podest Platz steht. Man sieht es. Mit dem Herz einer Löwin greift sie an. Mit unwiderstehlichen Schritten geht sie in der letzten Kurven an der bisherigen Drittplatzierten vorbei. Sie drückt aufs Tempo, mobilisiert alle Kräfte, Sprintet förmlich. Kann sie es halten? Kann sie den Vorsprung, den sie in der Kurve rausgelaufen hat, halten? Die Schritte werden schwerer. Noch 80m, 40, 20 … sie reißt die Arme nach oben. Alena Gardyan hat es geschafft! Sie wird Dritte bei den Deutschen Jugendmeisterschaften über 800m der wJB. UNGLAUBLICH! SENSATIONELL! WAHNSINN! Es gibt nicht genug Superlativen um diesen Moment zu beschreiben. Ich selbst bin fassungslos. Kann es noch nicht begreifen, was da eben gerade passiert ist. Es gibt nur noch einen Gedanken. Hin zu Alena!
Am Ziel angekommen ist Alena bereits von einem Pulk jungen Athletinnen umringt, die ihr für diesen unglaublichen Lauf gratulieren. Alena ist geschafft, am Ende, aber sie kann noch stehen und lächeln.
Ganz nebenbei hat sie zudem noch ihre Bestzeit vom Vortag erneut unterboten. Ihre Fabelzeit: 2:12,85 !!! Eine riesen Leistung, die gar nicht hochgenug zu bewerten ist.
Kurze Zeit später folgte dann die Siegerehrung. Alena auf dem Treppchen, ein Traum wird für sie wahr. Auch wenn der Stadionsprecher nicht in der Lage war ihren Namen richtig auszusprechen. J
Alena, ich würde gerne Timos Worte an dieser Stelle zitieren: „Du hast es verstanden die 800m zu laufen!“ Das hast du wirklich wie keine Andere und du hast dir diesen Erfolg mehr als verdient. Man darf nicht vergessen, wie viel Freizeit du letztlich auch hierfür geopfert, wie viel du investiert hast und wo deine Anfänge waren. Auch wenn du es von mir schon unzählige Male gehört hast. Ich bin sehr stolz auf dich und unendlich dankbar dein Trainer sein zu dürfen. Mit diesem 3. Platz hast du nicht nur dir einen Traum erfüllt, du hast auch Trainerträume wahr werden lassen. Ich hoffe, dass dies für dich nur der Anfang einer noch lange andauernden und erfolgreichen Laufbahn in der Leichtathletik sein wird. Ich werde jeden Moment, den ich an deiner Seite als Trainer miterleben darf, genießen. Denn du bist nicht nur eine tolle Athletin, sondern auch ein großartiger Mensch.
Keep on running
Hendrik Vogt
Trainer
SC Poppenbüttel